Presseaussendung Gender Stat 30. Juni 2011

ExpertInnen Treffen: Geschlechterspezifische Datenerfassung als Voraussetzung für effektive Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen

PA_30.06.2011_Gender Stat


ExpertInnen Treffen: Geschlechterspezifische Datenerfassung als Voraussetzung für effektive Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen

Die Erfassung geschlechtsspezifischer Daten ist ein wesentlicher Schritt, um effektiv Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen setzen zu können und die Wirksamkeit dieser zu überprüfen. Am 30. Juni 2011 trafen sich nationale und internationale ExpertInnen im Haus der Europäischen Union in Wien, um über die Verbesserung der Datenlage in der EU zu beraten.

Eine EU-weite Umfrage kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: jede fünfte in der EU lebende Person kennt in ihrem Bekannten- und Familienkreis eine Frau die Opfer von häuslicher Gewalt wurde. Demzufolge sind 50 Millionen EU-Bürgerinnen von Gewalt betroffen. Die überwiegende Mehrheit der befragten Personen (87%) findet auch, dass die EU mehr im Kampf gegen häusliche Gewalt tun sollte (Quelle: Eurobarometer 2010).

Wie viele Frauen und ihre Kinder tatsächlich von Gewalt in der Familie betroffen sind, ist unbekannt. Die Dunkelziffer ist bei Gewalt im familiären Umfeld sehr groß. In den meisten EU Mitgliedsstaaten fehlt es außerdem an geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten für betroffene Frauen und deren Kinder. Ohne Unterstützungsangebote haben viele Frauen keine andere Wahl als bei ihrem Gewalttäter zu bleiben weil es niemanden gibt, an den sie sich wenden können. Manchmal bedeutet das den Tod. Frauenhäuser sind in akuten Gewaltsituationen unersetzlich, denn sie bieten Frauen und ihren Kindern Schutz und Hilfe. Eine 2011 veröffentlichte Studie des europäischen Netzwerks WAVE (Women Against Violence Europe), über die Situation von Frauenhäusern und Frauenhilfseinrichtungen, ist alarmierend. In der EU erfüllen nur vier von 27 Ländern den Mindeststandard von einem Frauenhausplatz pro 10.000 EinwohnerInnen. Außerdem bestehen drastische Unterschiede in der Qualität der Hilfseinrichtungen. Es reicht nicht ein Dach über dem Kopf zu haben. In einigen Ländern gleichen die Unterkünfte einer Gefängniszelle, die Bedingungen sind absolut unerträglich.

Gewalt gegen Frauen ist eine der schwersten Menschenrechtsverletzungen in der EU. „Seit dem Vertrag von Amsterdam haben die Institutionen der Europäischen Union intensiv an der Bekämpfung von Gewalt, darunter Gewalt an Frauen und die Gewährleistung der Rechte von Opfern, gearbeitet. Um gesetzliche Lücken in dem Bereich zu schließen, hat die Kommission gerade ein Opferschutzpaket erlassen, welches sich auf den Schutz und die Unterstützung von Opfern konzentriert“, erläutert Edit Bauer, Abgeordnete des Europäischen Parlaments für die Slowakei. WAVE begrüßt die Entwicklungen auf EU-Ebene und hofft, dass die noch bestehenden Defizite in der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen bald beseitigt werden.

Trotz aller Bemühungen auf EU Ebene erschwert der Mangel an schlüssigen Daten die Einschätzung der Ursachen von Gewalt gegen Frauen und die Beurteilung der Wirksamkeit von Maßnahmen. Den polizeilich oder gerichtlich erfassten Daten fehlt es oft an Aussagekraft. Beispielsweise geben die in Österreich verfügbaren Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik keinen Aufschluss über die wichtigste Art von Gewalt im sozialen Nahraum, nämlich zur Gewalt zwischen (Ex )PartnerInnen und zu gewalttätigen Übergriffen von Eltern auf ihre Kinder. „Wir müssen wissen wie viele Frauen von Gewalt betroffen sind, welche Formen der Gewalt sie erleben und wie sich diese Gewalt über einen Zeitraum verändert, unter anderem um die Wirkung gesetzter Maßnahmen und anderer Entwicklungen einschätzen zu können“, erklärt Sylvia Walby, UNESCO Vorsitzende für Genderforschung und Professorin für Soziologie an der Universität Lancaster (UK).

Rückfragehinweis: Felice Drott | +43/1/664 793 07 89 | felice.drott@wave-network.org | www.wave-network.org


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Press release

Gender-specific data collection as a prerequisite for effective policies to combat violence against women

Vienna, 30 June 2011:

An EU wide survey comes to a disillusioning conclusion: one in five Europeans knows a woman among friends and family who is a victim of domestic violence. Accordingly 50 million women in the EU are affected by violence. The vast majority of respondents (87%) believes that the EU should be more involved in the fight against domestic violence (Source: Eurobarometer 2010).

It is unknown how many women and their children are actually affected by violence. The number of unreported cases of violence in the family environment is very large. Moreover, most EU Member States also lack of suitable shelters for affected women and their children. Without support, women victims of partner violence feel like there is no alternative to violence for them and that they cannot leave because there is nowhere to go or there is no-one to help them. Sometimes the consequence is death.

Women's shelters are especially important because they offer a safe place for women and children. A 2011 study by the European network WAVE (Women Against Violence Europe), on the situation of women's shelters and women's non-governmental organizations, is alarming. In the EU, only four out of 27 countries meet the minimum standard of one women's shelter place per 10,000 inhabitants. Moreover, there are drastic differences in the quality of the shelter facilities. It is not enough to have a roof over the head. In some countries shelters resemble prisons and provide sub-standard living conditions.

Violence against women is one of the most serious human rights violations in the EU. “After the Lisbon Treaty the European Institutions has been intensively working on combating violence, including violence against women as well as on guaranteeing protection of victims. For closing the legislative gap in this area, the Commission has just launched its Victims´ Package focusing on providing assistance and protection of victims” reports Edit Bauer, Member of the European Parliament for the Slovak Republic. WAVE very much welcomes the developments at EU level and hopes that the remaining shortcomings in combating violence against women are eliminated soon.

Despite all efforts at EU level, the lack of conclusive data complicates the assessment of the causes of violence against women as well as the effectiveness of measures. Data collection by police or courts often lacks significance. In Austria for example, the police crime statistics do not provide information on the most important type of violence in the social environment, namely the violence between former partners and violent assaults by parents on their children. “We need to know how much violence there is against women, the forms it takes, and how it is changing over time in response to policy and other developments” stresses Sylvia Walby, UNESCO Chair in Gender Research and Professor of Sociology at Lancaster University.

Press enquiries: Felice Drott | +43/1/664 793 07 89 | felice.drott@wave-network.org | www.wave-network.org