Mythen und Fakten

Bedauerlicherweise gibt es in unserer Gesellschaft zum Thema Gewalt in der Familie immer noch viele Vorurteile. Dadurch sprechen viele Frauen nur ungern über ihre Situation, wodurch verhindert wird, dass ihnen und ihren Kindern geholfen wird. Oft suchen Frauen die Schuld bei sich selbst und wagen es deshalb nicht, mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen.

MYTHOS Nr. 1: "Die beiden streiten nur miteinander."

Fakt ist:

Zwischen Streit und Gewalt besteht ein wesentlicher Unterschied: Ein Streit ist eine Auseinandersetzung zwischen etwa gleich starken Personen. Wenn ein ungleiches Machtverhältnis vorliegt, weil zum Beispiel eine Person körperlich überlegen oder bewaffnet ist oder allein über das gemeinsame Geld verfügt, dann besteht die Gefahr, dass der oder die Stärkere Vorteile aus diesem Umstand zieht, um seine oder ihre Interessen durchzusetzen. Dann handelt es sich um einen Gewaltakt, bei dem der oder die Schwächere automatisch unterliegt.

Gewalt gegen Frauen ist Ausdruck des ungleichen Machtverhältnisses zwischen Männern und Frauen und darf nicht als "Privatsache" angesehen werden. Das würde die Täter schützen.

Die Förderung von Gleichberechtigung und Partnerschaft zwischen Männern und Frauen sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene ist daher der einzige Weg zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen.


MYTHOS Nr. 2: "Gewalt gibt es nur in 'Problemfamilien'"
Fakt ist:
Schätzungen zufolge ist jede fünfte Frau in Österreich einmal in ihrem Leben von Gewalt durch einen nahen männlichen Angehörigen betroffen. Diese Schätzung beruht auf den Daten der Hilfseinrichtungen. Jedes Jahr finden einige Tausend Frauen und Kinder in den österreichischen Frauenhäusern Zuflucht.

Gewalt ist ein von Alter, Kultur und Religion unabhängiges Problem. Auch die soziale Schicht spielt keine Rolle, in manchen Gesellschaftsgruppen wird das Phänomen Gewalt jedoch mehr verborgen als in anderen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass nur so genannte "Problemfamilien" betroffen sind.


MYTHOS Nr. 3: "Gewalt in der Familie ist Privatsache, der Staat sollte sich nicht einmischen."
Fakt ist:
Alle Gewalttaten sind nach unseren Gesetzen strafbare Handlungen, unabhängig davon, ob sie innerhalb oder außerhalb der Familie verübt werden. Der überwiegende Teil der Gewalttaten sind außerdem so genannte Offizialdelikte, was bedeutet, dass sie vom Staat angeklagt und verfolgt werden. Der Staat verpflichtet sich damit ausdrücklich, bei Gewalttaten in der Familie einzuschreiten.
 

MYTHOS Nr. 4: "Frauen erfinden Misshandlungen, um bei Scheidungen im Vorteil zu sein."
Fakt ist:
Die Dunkelziffer bei Gewalttaten in der Familie ist aufgrund der hohen Hemmschwelle der Opfer, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sehr hoch. Oftmals verheimlichen oder bagatellisieren Frauen die erlebte Gewalt, viele Delikte werden aus Angst und Scham gar nicht angezeigt.


MYTHOS Nr. 5: "Frauen, die misshandelt werden, müssen das wollen, sonst würden sie weggehen."
Fakt ist:
Frauen, die Gewalt erleben, versuchen vieles, um die Situation zu verändern. Erst, wenn alle Versuche fehlschlagen, suchen sie Hilfe von außen. Einige Frauen werden von ihren Männern kontrolliert und isoliert und haben Angst, sich jemandem anzuvertrauen.  Viele Betroffene haben weder Bekannten oder Verwandte, an die sie sich wenden können. Viele Frauen haben kein Geld und wissen nicht, wer sie aufnehmen könnte. Das bedeutet für viele betroffene Frauen, dass sie große Angst vor den Folgen einer Flucht haben.


MYTHOS Nr. 6: "Frauen 'provozieren' Gewalt oder 'verdienen' sie in irgendeiner Weise."
Fakt ist:
Es gibt keine Entschuldigung für Gewalt.  Niemand verdient Gewalt. Eine solche Einstellung gibt den Opfern die Schuld und lenkt von der Verantwortung der Täter ab. Oft geben Täter an, sich von Verhaltensweisen "provoziert" zu fühlen, die sie für sich selbstverständlich in Anspruch nehmen. Dann wird ein "Fehlverhalten" genauso zur Entschuldigung einer Gewalttat herangezogen, wie die Kritik am gleichen "Fehlverhalten" des Mannes. Auch Frauen, die versuchen, "perfekt" zu sein, werden misshandelt!


MYTHOS Nr. 7: "Frauen suchen sich Männer, die sie misshandeln."
Fakt ist:
Keine Frau will geschlagen, vergewaltigt oder gar ermordet werden. Misshandler greifen am Anfang einer Beziehung in der Regel noch nicht zu gewalttätigen Mitteln. Meist beginnen die Übergriffe erst nach einer gewissen Zeit des Zusammenlebens. Versteckte Formen der Gewalt sind oft mit althergebrachten Werten verbunden, der Beginn von Machtausübung, Kontrolle und Unterdrückung ist schwer wahrzunehmen. Der "ritterliche Beschützer" verwandelt sich unbemerkt in einen kontrollierenden Ehemann, rasende Verliebtheit in rasende Eifersucht. Dann wird aus der Beteuerung "Ich bin verrückt nach dir" langsam "Ich hab ein Recht auf dich".

MYTHOS Nr. 8: "Männer misshandeln Frauen, weil sie in ihrer Kindheit selbst Gewalt erlebt haben."
Fakt ist:
Eigene Gewalterlebnisse bergen tatsächlich ein gewisses Risiko, selbst gewalttätig zu werden. Das bedeutet aber nicht, dass der "Kreislauf der Gewalt" fortgesetzt werden muss. Negative Erfahrungen können ebenso zu einer besonders ablehnenden Haltung gegenüber Gewalt führen, was bei vielen Männern und Frauen auch der Fall ist. Kindheitserlebnisse können ein bestimmtes Verhalten zwar manchmal erklären, aber niemals rechtfertigen.

MYTHOS Nr. 9: "Alkoholprobleme sind die Ursache für die Gewalttätigkeit von Männern."
Fakt ist:
Alkohol ist keine Ursache für Gewalt sondern ein Auslöser. Männer, die Frau und Kind(er) misshandeln, tun dies, wenn sie betrunken sind, aber auch, wenn sie es nicht sind. Alkohol wirkt enthemmend, die aggressiven Impulse werden dadurch stärker. Die Alkoholisierung wird von Männern, die Gewalt ausüben, oft als Rechtfertigung benützt, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.


MYTHOS Nr. 10: "Männer misshandeln, weil sie ihre Gefühlen nicht anders ausdrücken können."
Fakt ist:

Gewalttaten im privaten Umfeld werden oft als Ausdruck heftiger Erregung gesehen - der Mann "explodiert" eben manchmal, er kann mit seinen Gefühlen angeblich nicht anders umgehen. Dabei wird übersehen, dass Männer, die Gewalt ausüben, dies nicht wahllos tun. Sie schlagen beispielsweise nicht ihren Chef, wenn sie wütend sind, wohl aber die Ehefrau. Gewalt wird gezielt eingesetzt, um eigene Interessen dort durchzusetzen, wo der Glaube an die männliche Vormachtstellung ungebrochen besteht - nämlich in der Beziehung zu einer Frau.